Bildung und afrikanische Sprachen (in Hamburg und in Afrika)

Prof. Roland Kießling -Universität Hamburg

Afrodeutsch

Rede von Prof. Roland Kießling bei African Youth Education Awards in Hamburg

Sehr geehrte Exzellenzen, liebe Preisträgerinnen und liebe Preisträger, liebe Gäste,

ich freue mich sehr, heute zum Anlass der diesjährigen Preisverleihung der African Youth Education Awards zu Ihnen sprechen zu dürfen und bedanke mich bei den OrganisatorInnen für die Einladung.

Als Vertreter des Fachs Afrikanistik an der Universität Hamburg sind mir die Anliegen und Ziele von TopAfric und AYE in doppelter Weise nahe. Zum einen weil ich in der universitären Lehre beruflich selbst für (Aus)Bildung verantwortlich bin – und unter unseren Studierenden sind in zunehmendem Maße junge Hamburgerinnen und Hamburger mit afrikanischen Wurzeln vertreten. Zum zweiten weil es in meinem Fach um Afrika geht, genauer um afrikanische Sprachen und ihre Rollen in afrikanischen Gesellschaften und Kulturen.

 Im Vordergrund steht dabei immer die Situation in den subsaharischen Ländern Afrikas. Aber darüber hinaus interessieren wir uns natürlich auch für die Hamburgerinnen und Hamburger mit afrikanischen Wurzeln – und freuen uns über ihre Erfolge. Ich bin deshalb sehr froh, dass es – über die universitären Förderprogramme für Studierende hinaus – eine Institution wie TopAfric und den African Youth Education Award gibt. Denn es ist absolut notwendig, insbesondere auch afrikanische Jugendliche auf ihrem Bildungsweg nicht nur zu ermutigen, sondern auch finanziell zu fördern und Anreize zu schaffen.

 Aber eben nicht nur sie, sondern auch in ihrem gesamten Umfeld nachdrücklich Impulse auszusenden und ein Zeichen zu setzen, wie zentral und wichtig Ausbildung und Bildung in der heutigen Weltgesellschaft sind – nicht nur in Hamburg, sondern auch in Afrika und überall sonst. Bildung ist in der Tat der Schlüssel zum Erfolg im Leben, und der zentrale Schlüssel zur Bildung ist sicherlich Sprache bzw. Sprachen. Denn Bildung wird durch Sprache(n) vermittelt, in allen Bereichen des Lebens: in der Familie, der Schule, in der Berufsausbildung, der Lehre, dem Studium.

Und bei Sprache bzw. Sprachen fasziniert mich eines immer wieder über alle Maßen, wenn ich mir die Studierenden mit afrikanischen Wurzeln hier in Hamburg ansehe und die afrikanischen Freunde und Kollegen, die ich im Laufe meiner Reisen in Tanzania, Kamerun, Namibia und Botswana kennengelernt habe; und das ist der virtuose Umgang vieler Afrikanerinnen und Afrikaner, insbesondere afrikanischer Jugendlicher mit einer Situation, die viele Deutsche hoffnungslos überfordern würde: die Situation nämlich, im alltäglichen Leben nicht nur eine, sondern zwei, drei, vier oder noch mehr Sprachen einzusetzen und auch einsetzen zu müssen, weil in der Familie eine Sprache gesprochen wird, im Freundeskreis aber eine andere, auf dem Markt wiederum eine dritte und ebenso in der Schule und in Behörden.

 Nehmen wir als Beispiel nur die sprachliche Bildungsbiografie eines langjährigen Freundes und Mitarbeiters, der aus dem Nordwesten Kameruns stammt: Er hat eine kleine Sprache namens Isu als Muttersprache gelernt, sein Vater hat eine andere Sprache, Jukun, gesprochen, die er auch als Kind gelernt hat. Darüber hinaus hat er eine lokale Verkehrssprache, das Aghem, gelernt, das er im Freundeskreis braucht, weiterhin die überregionale Verkehrssprache Pidgin Englisch, die zur Kommunikation auf Märkten unabdingbar ist. In der Schule kam das Englische hinzu und bei seinem Umzug in den frankophonen Teil Kameruns das Französische, das er u.a. auch täglich in seiner Tätigkeit als Englischlehrer einsetzt. Gerade dies ist vielen Menschen in Europa gar nicht so klar: der Ausbildungsweg vieler Menschen mit afrikanischem Hintergrund ist sprachlich außerordentlich komplex und stellt sehr hohe intellektuelle Anforderungen.

Vielen Menschen in Europa sind auch die Schwierigkeiten nicht klar, die dadurch entstehen, dass ehemalige Kolonialsprachen in afrikanischen Bildungssystemen eingesetzt werden, wie dies z.B. in Kamerun, Nigeria, Mali, Burkina Faso, Côte d’Ivoire und vielen anderen afrikanischen Ländern der Fall ist. Wenn also Schulkinder von der ersten Klasse an in Französisch, Englisch oder Portugiesisch unterrichtet werden, obwohl sie diese Sprachen nicht ausreichend verstehen.

 Das ist hart. Deshalb bewundere ich meine afrikanischen Kolleginnen und Kollegen, und deshalb bewundere ich Sie, die Sie hier sitzen, denn ich nehme an, dass es nicht wenige unter Ihnen gibt, die es nicht nur geschafft haben, eine Etappe in Ihrem Ausbildungsweg abzuschließen, sondern dies auch unter erschwerten sprachlichen Bedingungen getan haben, und dazu noch mit einer weiteren Sprache, dem Deutschen, oben draufgesattelt.

Vermutlich sieht die sprachliche Biografie nicht bei allen von Ihnen ähnlich komplex aus. Diejenigen unter Ihnen, die in Hamburg geboren sind, werden natürlich mit dem Deutschen aufgewachsen sein. Aber vielleicht sind da die Eltern, die eine oder mehrere afrikanische Sprachen sprechen. Auch wenn Sie diese Sprachen vielleicht nur noch mit Ihren Eltern oder Großeltern sprechen, werfen Sie sie nicht über Bord, weil Sie möglicher Weise denken, diese Sprachen seien entbehrlich auf dem Weg in das moderne Berufsleben. Sicherlich werden sie in der beruflichen Kommunikation nicht gebraucht, aber deswegen sind sie nicht nutzlos. Vielmehr ist es so, dass die Kenntnis von mehr als nur einer Sprache Ihre geistige Flexibilität erhöht, sie eröffnet Ihnen alternative Denkmodelle und damit einen Horizont, der rein monolingualen Personen oft verschlossen bleibt.

In diesem Sinne danke ich Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und wünsche Ihnen allen, vor allem aber den Preisträgerinnen und Preisträgern, einen schönen Abend mit einer unvergesslichen Feier und Beharrlichkeit, Unverdrossenheit, Zuversicht und Freude auf Ihrem weiteren (Aus)Bildungs- und Lebensweg! Vielen Dank.

Prof. Roland Kießling, Universität Hamburg, Asien-Afrika-Insitut, Abteilung für Afrikanistik und Äthiopistik
TopAfric 

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